Doping aus der Sicht eines führenden Sportmediziners: „Vorsicht vor Nahrungsergänzungsmitteln!“

von Adéla Ročárková • 10.07.2026
Eröffnung
Während sich die menschliche Anatomie seit Jahrtausenden kaum verändert hat, erreichen sportliche Leistungen ein Niveau, das vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Wo endet saubere Vorbereitung und wo beginnt unfaire Vorteile?

Während sich die menschliche Anatomie seit Jahrtausenden kaum verändert hat, erreichen sportliche Leistungen ein Niveau, das vor wenigen Jahrzehnten noch unvorstellbar war. Wo endet saubere Vorbereitung und wo beginnt unfaire Vorteile?

Die Grenzen des menschlichen Potenzials werden ständig erweitert. Der führende Sportmediziner Dr. Jiří Dostal spricht über das Phänomen Doping, seine politischen Hintergründe, Mythen rund um Nahrungsergänzungsmittel und bekannte Skandale.

Wer ist Dr. Jiří Dostal?

Dr. Jiří Dostal ist Chefarzt der Sportphysiologie und Mitbegründer des Instituts für Sportmedizin (gegründet 2011), das zu den spezialisierten Zentren für Sportmedizin in der Tschechischen Republik gehört.

Er schloss sein Studium an der 2. Medizinischen Fakultät der Karls-Universität ab und studierte Management am MCE in Brüssel. Er ist Facharzt für Innere Medizin und verfügt über Berufserfahrung in führenden Kliniken wie Nemocnice Na Homolce und IKEM sowie als Leiter einer Gesundheitseinrichtung.

In seiner Praxis spezialisiert er sich auf Spitzensport, Extremleistungen und Probleme im Zusammenhang mit Minderleistung.

Was ist Doping und warum wird es verteufelt?

Aus rechtlicher Sicht ist die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADADoping wird klar definiert: Es umfasst die Verwendung von Substanzen oder Methoden, die auf der Liste verbotener Substanzen aufgeführt sind. Alles, was nicht auf dieser Liste steht, ist formal erlaubt. Die Ziele von Doping variieren je nach Sportart: Es kann auf gesteigerte Kraft, Ausdauer, Explosivität oder beschleunigte Regeneration abzielen.

Manche Substanzen werden in der Öffentlichkeit jedoch verteufelt, ohne dass ein tieferes Verständnis ihrer physiologischen Wirkungsweise vorliegt. Ein Beispiel hierfür ist Erythropoetin (EPO), eine Methode aus dem Bereich der Blutmanipulation. „Die Verabreichung von EPO steigert möglicherweise nicht einmal die Leistung eines Ausdauersportlers.“ Dr. Dostal warnt: EPO wirkt nur, wenn die Sauerstoffversorgung der limitierende Faktor für die Leistungsfähigkeit des Athleten ist. Wenn ein Athlet Probleme mit der Bewegungsökonomie oder der Sauerstoffverwertung in den Muskeln hat, helfen selbst Bluttransfusionen nicht.

Eine ähnliche Unklarheit besteht bei gängigen Medikamenten. Reine Schmerzmittel mit nur einem Wirkstoff (Ibuprofen, Aspirin) sind zulässig, ihre Kombination mit Stimulanzien birgt jedoch Risiken.

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Der Mythos von Vitamin C

Die moderne Wissenschaft liefert überraschende Erkenntnisse über gängige Nahrungsergänzungsmittel. Während Elektrolytgetränke oder -gels von seriösen Herstellern als sicher gelten, kann das weit verbreitete Vitamin C paradoxerweise die Trainingseffekte beeinträchtigen.

„Mehrere Studien haben eindeutig gezeigt, dass die Genesung nach der Verabreichung von Vitamin C aufgrund einer extremen Reduzierung freier Radikale verlangsamt wird.“ erklärt der Arzt. Freie Radikale sind nach dem Training unerlässlich, da sie die Proteinreparatur und die Muskelregeneration anregen. Ihre künstliche Unterdrückung verlangsamt diesen natürlichen Prozess.

Der Markt für Nahrungsergänzungsmittel birgt ein erhebliches Kontaminationsrisiko. Studien zeigen, dass 10 bis 15 % der Präparate verbotene, nicht deklarierte Substanzen enthalten. Daher gilt im Sportbereich die Devise: Nahrungsergänzungsmittel enthalten oft nicht das, was man erwartet, sondern etwas Unerwartetes.

Technologische Hypoxie vs. Genetik

Die Diskussionen drehen sich oft um Zelte, die Höhenbedingungen (Hypoxie) simulieren. Laut WADA-Regeln gilt dies nicht als Doping, doch der tatsächliche Nutzen ist schwer nachzuweisen. Die hypoxische Stimulation ist ein so komplexer Prozess, dass Standardbluttests die Wirksamkeit des Zeltes nicht belegen können. Eine hochspezialisierte Methode namens thbMass ist erforderlich und wird vom Institut für Sportmedizin in der Tschechischen Republik durchgeführt.

Umgekehrt können genetische Vorteile, wie sie beispielsweise bei jamaikanischen Sprintern oder kenianischen Läufern zu beobachten sind, nicht als unfair angesehen werden. Sie sind das Ergebnis einer natürlichen Evolution der Art in einem bestimmten Gebiet, verbunden mit einem gut entwickelten nationalen System zur Talentidentifizierung und -förderung.

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Politik, Wirtschaft und die Suche nach der Vergangenheit

In den letzten Jahren kam es zu massiven Medaillenaberkennungen und nachträglichen Disqualifikationen. Laut Dr. Dostal ist Doping im Machtkampf zu einem politischen Instrument geworden, wie die pauschale Bestrafung russischer Athleten und die darauf folgenden Hackerangriffe, die irreguläre biologische Pässe westlicher Athleten aufdeckten, belegen.

Während Doping in Russland und der ehemaligen DDR Teil eines staatlich kontrollierten Systems war, fehlen solche Anzeichen im Westen. Dennoch hegt der Arzt keine Illusionen darüber, dass der westliche Sport völlig sauber sei. Die erneute Untersuchung von Proben, die fünf Jahre alt sind, belegt zwar den technologischen Fortschritt in der Medizin, ist aus Sicht der WADA aber eher ein Marketinginstrument für Kraftsportler. Versuche, historische Beweise zu tilgen (z. B. im Fall Jarmila Kratochvílová), werden als reine Politik bezeichnet.

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Jarmila Kratochvílová hält den Weltrekord über 800 Meter der Frauen mit einer Zeit von 1:53.28 Minuten. Dies ist der am längsten bestehende Weltrekord in einer offiziellen Leichtathletikdisziplin und hat über 42 Jahre Bestand. / Foto: BILDBYRÅN

Die Zukunft

Obwohl Labore den Aufsichtsbehörden scheinbar immer einen Schritt voraus sind, ist der Spitzensport heute wahrscheinlich sauberer als früher. Weltrekorde werden nicht mehr so ​​spektakulär gebrochen wie in den 1980er Jahren. Wirtschaftliche und soziale Faktoren spielen heute eine große Rolle im Kampf gegen Doping:

  • Strenge Strafmaßnahmen der WADA und statistische Überwachung mittels biologischer Pässe.
  • Die Sponsoren, die ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollen, vertreten eine kompromisslose Haltung und nehmen Kündigungsklauseln in die Verträge auf.
  • Die enorme finanzielle Belastung durch ausgeklügeltes Doping.
  • Soziale Ausgrenzung verurteilter Sportler in den Medien.

Die eigentliche Gefahr hat sich jedoch verlagert. Während der Profisport unter Beobachtung steht, erleben Amateur- und Hobbysport einen massiven und unkontrollierten Anstieg von Doping, der ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellt.

Ikonen im Schatten des Zweifels

Bei der Betrachtung konkreter Fälle darf man Lance Armstrong nicht außer Acht lassen, dessen systematisches Doping (eine Mischung aus Wachstumshormonen, Kortikosteroiden, anabolen Steroiden und EPO) in der Dokumentation detailliert dargestellt wurde. Die Armstrong Lüge.

Die Situation ist für den schnellsten Mann der Welt, Usain Bolt, deutlich komplexer. Obwohl er nach den Anti-Doping-Bestimmungen sauber ist, bleiben moralische Fragen bestehen. Bolt befand sich in der Obhut eines Spezialisten, der Substanzen im Grenzbereich des Gesetzes einsetzte, die mal verboten, mal erlaubt waren. Für den Internationalen Leichtathletik-Verband (IAAF) ist Bolt jedoch eine so wichtige Ikone für die Popularisierung des Sports, dass eine mögliche Verurteilung fatale Folgen für die gesamte Sportindustrie hätte.

Kriminalität und Grauzonen werden den Regeln immer einen Schritt voraus sein; Ziel ist es jedoch, sicherzustellen, dass dieser Vorsprung nicht zu groß wird.

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